„Inside Islam“ und der sogenannte „Moscheereport“ – oder wie ein ARD-Moderator „alternative Fakten“ produzierte und publizierte

Inside Islam?

Beim „Inside IS“ von J. Todenhöfer passt das Buchcover zum beschriebenen Objekt, aber warum „Inside Islam - Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“ (Constantin Schreiber)? So als ob der Islam und die Moscheen für Außenstehende nicht zugänglich sind und zu entschleiernde Mysterien wären.

So wird für das Buch geworben: „Wo gibt es überall Moscheen und was predigen Imame beim Freitagsgebet? Wie wird über Deutschland gesprochen, wenn keine Kamera dabei ist und man sich unbeobachtet fühlt? Schreiber recherchiert in einer für viele unverständlichen Realität, die unsere Gesellschaft prägt wie nie zuvor.“

Aha! „Wenn keine Kamera dabei ist und man sich unbeobachtet fühlt.“ Sieh mal einer an!
Herr Schreiber, der Verlag und co. - zum Mitschreiben:

Moscheen sind per definitionem öffentliche Räume und Predigten sind ebenso per definitionem für die Öffentlichkeit. Jemand, der etwas zu verbergen hat, wird es nicht in aller Öffentlichkeit „predigen“. Ach übrigens; es gibt bereits Studien und Recherchen über Moscheen. Dennoch tut man jedes Mal so, als ob irgendetwas investigativ „entschleiert“ werden muss. Mit allen Stärken und Schwächen, mit positiven Entwicklungen und konkreten Problemen (zum Beispiel Sprache) ist die Sachlage der Moscheen bekannt. Die Medien freuen sich so sehr, dass sie mit Herrn Schreiber jemanden gefunden haben, der endlich (!) in die verschleierte Welt der Muslime eindringen und authentisch berichten kann, was eigentlich los ist, wenn „keine Kamera dabei ist“! In all diesen Berichten schwingt nach meinem Empfinden ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Muslimen mit - ein unterschwelliger Verstellungsvorwurf (taqiyya).

Wohl deshalb werden ja auch „eigene“ „Islam-Experten“ wie Schröter und co. herangezogen, die das, was die Muslime sagen, beurteilen sollen...

Wie in einigen Diskussionen und im ersten Moscheereport (ARD) zu beobachten, fällt mir Herr Schreiber Muslimen gegenüber mit einer expressis verbis fordernden Haltung auf. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Als Journalist sollte er sich ein wenig in Zurückhaltung üben und nicht „nach unseren Werten“ beurteilen, wobei umstritten bleibt wie viele in der Mehrheitsgesellschaft „seine“ Werte teilen.

Und wenn er schon so überkritisch auftritt, dann sollte er auch mal ein Licht darauf werfen, mit welchen Hürden Muslime beim Moscheebau zu kämpfen haben…

„Moscheereport“: Übersetzungsfehler

1) In dem umstrittenen Moscheereport (ARD) wurde gemäß der Beteuerung vieler Islamwissenschaftler/Innen und arabischen Muttersprachler ein fataler Übersetzungsfehler begangen, auf Grundlage dessen Herr Ourghi im weiteren Verlauf des Beitrags Horrorszenarien gesponnen hat. Da trotz etwaiger Äußerungen der Experten einige und anscheinend auch Herr Schreiber weiterhin an einem Fehler zweifeln, sei dieser hier noch einmal als Text und Video dokumentiert.

2) Die heikle Stelle in Transkription: „… an yursilū mi’a wa ḫamsīn’ alf (150.000) turkī…“ (Videosequenz, 00:18-00:20). In Übersetzung: „… dass sie 150.000 Türken schicken…“ In dem Beitrag der ARD wird diese Stelle jedoch so übersetzt: „…150.000 Soldaten zu schicken…“ Das arabische Wort für Soldat wird so transkribiert „ǧundī“ und in etwa so ausgesprochen „dschundî/jundî“. Auch aus dem Zusammenhang geht hervor, dass hier nicht Soldaten gemeint sind, weil: „nach dem 2. Weltkrieg“ und „um die deutsche Wirtschaft wieder aufzubauen“.

3) Weiterhin ist zu konstatieren, dass die Übersetzungen im ARD-Beitrag generell nicht exakt sind. Das fällt mir auch sonst bei Übersetzungen auf, da man wahrscheinlich eine sinngemäße Übersetzung anstrebt. In diesem Fall wird zum Beispiel ein Satz (00:04-00:05) komplett weggelassen und das Jahr der besagten Forderung bei der Übersetzung übergangen.

4) Die arabische Predigt und die Übersetzung im Untertitel sind nicht synchron. Predigt und Text sind zum Teil um die 10 Sekunden versetzt. Untertitel: „150.000 Soldaten“ (bei etwa 00:10). Predigt: „150.000 Türken“ (bei etwa 00:20). (Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob diese Verschiebung im Original vorkommt oder nur im YouTube-Video der Fall ist, da der umstrittene Beitrag von der ARD-Mediathek entfernt worden zu sein scheint.)

5) Die Übersetzung der ARD (Untertitel): „Deutschland war das erste Land, das es Muslimen erlaubt hat, es nach dem 2. Weltkrieg zu betreten, als es entschied, seine Wirtschaft wieder aufzubauen. Deutschland frage [!] seinen türkischen Verbündeten, 150.000 Soldaten [!] zu schicken, um die deutsche Wirtschaft wieder aufzubauen. Ihr seid in einem Land und andere beneiden euch dafür und um eure Religion.“

Zum Moscheereport II (ARD, von 27.03.2017)

1. Eindeutiger Verstellungsvorwurf: „Ich frage mich, ob das anders ist, wenn keine TV-Kamera dabei.“ (C. Schreiber) „Wir haben hier mit einem Gelehrten [Abdelfattah Mourou] zu tun, der nicht sagt, was er denkt. Der sagt einfach nämlich das, was die Hörer oder die Zuhörer hören möchten und zwar in jeder Situation, in der er sich befindet.“ (Ourghi)
Die Pressesprecherin der Neuköllner Begegnungsstätte Frau Villamor-Meyer hat den Verstellungsvorwurf erkannt und auch dessen fatale Konsequenzen auf den Punkt gebracht: „Im Grunde machen sie es den jeweiligen Moscheen, gerade solchen Imamen oder solchen Gruppen, die versuchen wirklich sich zu öffnen und transparent zu sein, sehr schwer. Man kann machen was man will...“

2. Schreiber beurteilt die Predigten inhaltlich (!) nach dem Raster „liberal“ und „konservativ“, 3. Übersetzungsprobleme:

a) aus 150.000 Türken werden 150.000 Soldaten - Turki als Soldat übersetzt, weil verwechselt mit dem Wort Dschundi!

b) die Verwendung von „islamiyyun“ im Arabischen wurde mit dem deutschen „Islamisten“ gleichgesetzt, wobei im Arabischen und Türkischen die Begriffe Islamiyyun und Islamcılar nicht rein negativ besetzt sind wie im Deutschen, sondern teilweise sogar als Selbstbeschreibung und neutral Verwendung finden.

4. Nicht repräsentative, subjektive Beurteilungen: „Warum immer so gebrüllt wird in Moscheen“ (Schreiber).

5. Verfassungsschutzkeule: „Weswegen werden sie vom Verfassungsschutz beobachtet?“ (Schreiber) Es ist für eine offene Zivilgesellschaft höchst alarmierend, wenn umstrittene Sicherheitsbehörden allein durch ihre „Beobachtungen“ (merke: keine juristischen Urteile und gerichtlichen Verurteilungen, keine wissenschaftliche Einordnung von unabhängigen Wissenschaftlern usw.) so sehr und so starken Einfluss im gesellschaftlichen Diskurs um den Islam ausüben. Es ist gerade die Aufgabe der Journalisten sich bewusst zu machen, dass die umstrittenen Beobachtungen keine Verurteilung und keine evidenten Tatsachen sind.

Erschreckend auf welchem Niveau die öffentlich-rechtlichen Sender das Thema Islam und die Muslime, die auch Gebühren zahlen, behandeln. Nach meinem Ermessen beinhaltet dieser Moscheereport eindeutig islamfeindliche Elemente und Momente.

„Inside Islam“

Roger Garaudy und die Ahmadiyya-Gemeinde

In einer Moschee der Lahore-Ahmadiyya entdeckt C. Schreiber das Buch „Verheißung Islam“ und erzählt von der nervösen Reaktion des Imams. Unser Journalist kehrt „etwas irritiert“ zurück und fragt Google, wer der Autor sei: „Es handelt sich um den verurteilten französischen Holocaust-Leugner Roger Garaudy.“

C. Schreiber fragt sich dann, nachdem er die wenig überraschenden Zuschauerreaktionen seines TV-Berichts resümiert: „… worüber wird dann erst geredet, wenn wir nicht dabei sind? Was für Schriften liegen dann aus?“ (S. 14)

Die beschriebene Reaktion des Imams zeugt nicht gerade von Souveränität und Professionalität, aber eine entscheidende Tatsache wird verschwiegen oder – davon gehe ich aus – ist C. Schreiber schlicht und einfach nicht bekannt: Das Buch „Verheißung Islam“ erschien 1994 bei SKD Bavaria Verlag, der nach meinen Kenntnissen kein Ahmadiyya-Verlag ist und auch nicht mit der Ahmadiyya in Verbindung steht. Roger Garaudy konvertierte zum Islam, war kein Ahmadiyya-Anhänger. Er brachte wohl einige seiner ideologischen Gedanken mit in den Diskurs seiner neuen Religion.

Mit seiner typischen Frage nach dem immer wiederkehrenden Muster „was, wenn wir nicht dabei sind“ belegt C. Schreiber so gut wie jede Gruppe mit der Unkultur des Verdachts und impliziert im Subtext einen Täuschungsvorwurf.

Die Moschee, die Frauen und die Gebete

1. Fast auf jeder Seite des Buches gibt es Aussagen, die man beanstanden kann. Auffällig ist die durch und durch politisierte, von der medialen Wahrnehmung beeinflusste und zumeist negative Sichtweise C. Schreibers. Er und Ourghi scheinen mehr in die Sache hineinzuprojizieren als die Sache verstehen zu wollen.

2. C. Schreiber fragt Ourghi: „Was macht einen Raum eigentlich zur Moschee?“ Und er antwortet: „Es finden sich weder im Koran noch in den Hadithen Vorschriften dazu.“ (S. 18) Diese Allaussage darf zurecht in Frage gestellt werden.

3. C. Schreiber behauptet Ourghi referierend: „Es gibt keine einheitliche Regelung dazu, ob Frauen in die Moschee gehen und dort beten dürfen beziehungsweise in welchem Teil der Moschee. Manche Moscheen verweigern Frauen den Zutritt.“ (S. 19) Diese Aussage ist inhaltlich nicht richtig. Gemäß der Praxis und klaren Aussagen des Propheten und des Konsenses der Gelehrten dürfen Frauen die Moscheen aufsuchen. Keine Moschee verweigert Frauen den Zutritt, zumindest darf sie das nicht.

4. Es gibt in vielen deutschen Moscheen „Männer- und Frauenbereiche“, „Frauenbereiche“ sind wohl in einigen Moscheen innerhalb der Woche nicht zugänglich und es kommt vor, dass einige Männer auf Frauen, die den allgemeinen Moscheebereich (nicht de jure, aber leider de facto „Männerbereich“), aufsuchen, irritiert reagieren, weil das für sie ungewöhnlich ist. Hierbei spielen kulturelle, traditionelle und architektonische Faktoren eine Rolle. Es gibt Verbesserungsbedarf und klare Defizite, die von den Machern von nafisa.de konstruktiv und aus islamischer Sicht thematisiert wurden (Siehe https://www.youtube.com/watch?v=2St92xCdo1E)

5. C. Schreiber zählt die fünf Gebete auf und bezeichnet sie das erste, zweite usw. Gebet und in Klammern schreibt er „Fakr Salat“, „Zuhr Salat“, „Asr Salat“, „Maghrib Salat“ und „Isha Salat“. Ich musste bei „Fakr Salat“ ein wenig nachdenken, um darauf zu kommen, dass er damit das Morgen- bzw. Frühgebet (ṣalāt al-faǧr/fadschr) meint. Und übrigens; man sagt und schreibt im Arabischen „Ṣalat al-Faǧr“, „Ṣalat aẓ-Ẓuhr“ und nicht umgekehrt wie im Deutschen „Morgengebet“ usw. Seine Arabischkenntnisse will ich ihm nicht absprechen, er kann Arabisch, aber von einer Kenntnis der islamischen Literatur bzw. Terminologie (sei es Arabisch oder Deutsch) zeugen diese und andere Beispiele nicht.

Was wird gepredigt?

1. C. Schreiber fragt nach den Inhalten der Predigten „in den arabischen Moscheen“, sein Islamexperte Abdel-Hakim Ourghi behauptet, dass „häufig Sachen gesagt“ werden wie „Gott möge Israel vernichten“ und „Schiiten sind Ungläubige“. Als Beweis sagt er: „Das habe ich selber hier in einer Moschee einmal gehört.“ (S. 21) Er spricht selbst von „einmal“, aber bezieht es auf die arabischen Moscheen im Allgemeinen. Die meisten arabischen Moscheen sind sunnitisch und für die Sunniten sind die Schiiten keine Ungläubigen. Es gibt radikale Gruppierungen, die das behaupten und vielleicht mag es Predigten gegen Israel gegeben haben. Aber es ist fatal und destruktiv unzulässige Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen vorzunehmen.

2. In Bezug auf die türkischen Moscheen geht Ourghi nur auf DITIB ein: „Die DITIB stellt als ein Täuschungsmanöver deutsche Ausgaben der Predigten auf ihre Webseite, die aber nur selektiv eine Zusammenfassung darstellen.“ (S. 21) Seit Jahren kenne ich die Predigten der DITIB. Die deutsche Version ist lediglich eine Zusammenfassung, die sich inhaltlich nicht von der türkischen unterscheidet. Und soweit ich weiß, werden die Predigten hier in Deutschland erstellt. Und inhaltlich geht es bei fast allen Predigten um Glaube, Moral und Ethik. Das gilt ebenso für die Predigten von VIKZ und IGMG.

3. Seit fast 20 Jahren besuche ich Freitagsgebete unterschiedlicher Moscheen und höre mir die Predigten an. Es sind in etwa 1000 Predigten, während C. Schreiber 13 Predigten präsentiert. Die meisten der Predigten sind abstrakt-allgemein, manchmal langweilig, manchmal realitätsfern usw., aber explizite Hetze habe ich so gut wie nie erlebt. Politik in seltenen Fällen.

4. Um es noch einmal klarzustellen. Es gibt Probleme in Moscheen und es gibt Verbesserungsbedarf in jeder Hinsicht. Aber was Herr Schreiber und Ourghi machen, sind unzulässige Verallgemeinerungen, falsche Tatsachenbehauptungen und Übersetzungsfehler. Ourghi nimmt realexistierende Einzelfälle und konstruiert daraus Pauschalurteile. Oder er agitiert und arbeitet mit dem klassischen Täuschungsvorwurf, sowohl im Moscheereport, als auch an mehreren Stellen im Buch. Dank dieser unlauteren Methoden wird im Internet wieder Hetze betrieben, Ängste werden geschürt, Vorurteile bestätigt und gegen Muslime Stimmung gemacht.

Verfassungsschutz, Überwachung und Islamwissenschaftler

Dieses Mal möchte ich drei Stellen aus dem Buch zitieren, ohne diese zu kommentieren, weil sie meines Erachtens für sich sprechen.

1. C. Schreiber zitiert einen Experten, „der damit nicht zitiert werden möchte: „Der Verfassungsschutz ist in einer schwierigen Situation. Wenn man es wirklich ernstnimmt, was hier in den muslimischen Milieus gedacht wird und was sich in Broschüren und Predigten niederschlägt, dann müsste man alle überwachen. Deswegen suchen sie sich diejenigen raus, die am derbsten sind.“„ (S. 26-27.)

2. C. Schreiber fragt: „Hat also der Verfassungsschutz eine Übersicht darüber, wer wo tätig ist, wo also welche Moschee sich befindet, um dann rasch erkennen zu können, dass dort verfassungsfeindliche Inhalte gepredigt werden?“ Dann resümiert er die Antwort des Verfassungsschutzes: „„Wir dürfen gar keine Listen führen“, teilt mir das Bundesamt für Verfassungsschutz auf Anfrage mit. Moscheen seien ja nicht pauschal verdächtig, daher dürften Moscheen nur bei konkreten Anhaltspunkten für extremistische Bestrebungen erfasst werden.“„ (S. 33.)

3. C. Schreiber referiert die Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Übersetzern und Interviewpartnern. (S. 38-40.) Die Stelle über die Interviewpartner sei hier wörtlich zitiert: „Auch hier gestaltet sich die Suche nach Interviewpartnern ausgesprochen schwierig. Über Monate hinweg richte ich Anfragen an islamwissenschaftliche Fakultäten, mit denen wir häufig als Redaktion Interviews geführt hatten. Eine Universität vertröstet mich über Monate hinweg, man suche noch nach dem richtigen Ansprechpartner. Am 16. Dezember, drei Monate nach meiner ersten Anfrage, schreibt mir die Professorin der Islamwissenschaften, dass es nun zeitlich zu knapp sei für ein Gespräch. Als ich erwidere, dass ich notfalls auch noch Anfang Januar als Ausweichtermin anbieten könne, erhalte ich keine Antwort mehr. Mehrere weitere Universitätsprofessoren sagen mir, ich solle ihnen die Predigten zuschicken, was ich auch tue. Danach erhalte ich auch auf Nachfragen keine Antworten mehr. Das ist eine interessante Erfahrung, denn Islamwissenschaftler und Islam-Experten bieten sich bei Redaktionen sonst sehr bereitwillig als Interviewpartner zu aktuellen politischen Themen an. Umso überraschter bin ich über das Desinteresse, wenn es um inhaltliche wissenschaftliche Einordnung und Kontextualisierung der von mir wiedergegebenen Predigten geht. Zahlreiche Experten gehen mir nach meinen Anfragen aus dem Weg, lassen Anrufe und E-Mails konsequent unbeantwortet. Ist es zu aufwändig, sich mit den teils langen Texten auseinanderzusetzen? Ist es zu sensibel, zu heikel?“ (S. 39-40.)

Erste Predigt - Projektionen und Unkultur des Verdachts

1. Die erste Predigt (S. 45-55), die das Thema Sozialabgabe (zakāt, im Buch: Armensteuer) behandelt, ist für muslimische Ohren eher als normal einzustufen, wobei die Regularien für die Entrichtung der Sozialabgabe etwas zu detailliert ausgefallen sind. Constantin Schreiber empfindet weite Teile der Predigt „sehr fremd und eigenartig“; ihm falle auf, „dass sich die Predigt in einer ganz anderen Welt“ abspiele. Für mich hat die Predigt relativ großen Realitätsbezug. Es werden Beispiele aus der Praxis des Propheten angeführt und diese werden in die heutige Zeit appliziert (angewendet). In den Beispielen aus der Zeit des Propheten geht es zum Beispiel um Kamele, Datteln etc., aber es ist nicht so, dass der Imam keinen Bezug zur heutigen und hiesigen Realität herstellt. Er geht auf die Frage ein, ob die Sozialabgabe auch für Krankenhäuser oder Schulen entrichtet werden kann, nimmt Bezug auf Handelsware, Fahrzeuge usw. Er spricht von dem gegenwärtigen Wert („fünf Euro“) für die Abgabe des Fastenbrechens (zakāt al-fiṭr) und dass dafür draußen eine Kiste liegt. Es streift die Situation und das Leid der Muslime und mahnt dazu an, die Sozialabgabe zu entrichten und erinnert daran, dass der Verein sogar die „Verteilung der Armensteuer an die Empfangsberechtigten“ übernommen hat. Diese und weitere Realitätsbezüge nehmen C. Schreiber und seine Expertin Susanne Schröter nicht wahr, sie fixieren sich auf die Kamele und Datteln, die hauptsächlich in den Überlieferungen des Propheten vorkommen. Aufschlussreich sind hier ihre Projektionen. C. Schreiber: „Da wird eine Welt gezeichnet, die ist nicht Deutschland, sondern ein idealisierter Naher Osten.“ Und die Erklärung von S. Schröter grenzt - mit Verlaub - an Wahnvorstellungen: „Der Bezug auf Datteln und Kamele ist Programm, man lebt geistig in dieser märchenhaften Welt, die ja sehr bildhaft ausgemalt wird. Das Bestreben ist, dass die Gemeindemitglieder in dieser Welt gehalten werden und nicht in Deutschland ankommen, weil man glaubt, dass von der deutschen Gesellschaft ein schädlicher Einfluss ausgeht, dass das Virus der Freiheit ansteckend ist.“ (S. 55.)

2. Obwohl C. Schreiber behauptet, wie ein ganz normaler und naiver Bürger eine Moschee zu besuchen, spricht seine Herangehensweise eine andere Sprache. Die Unkultur des Verdachts ist vorherrschend, es geht immer wieder um Verfassungsschutz, Kontrolle, Überprüfung und Überwachung usw. Auch in diesem Fall: „Aber lässt sich überhaupt nachvollziehen, welche Verbindungen ein Moscheeverein ins Ausland hat, etwa mit Blick auf die Finanzierung?“ (S. 55.) Obwohl bei diesem Moscheeverein dafür kein konkreter Anhaltspunkt genannt wird, geht es um „Islamische Weltliga“, „Saudi-Arabien“, Verfassungsschutz, Überprüfung, Aberkennung der Gemeinnützigkeit usw. Obwohl, wie gesagt, kein konkreter, direkter Bezug zum Moscheeverein vorliegt und angegeben wird - einfach so eben!?, um am Ende die Schlussfolgerung zu ziehen: „Interessant ist: Offenbar ist eine verfassungsfeindliche Organisation nicht auch automatisch nicht gemeinnützig. Anscheinend kann es theoretisch einen gemeinnützigen, zugleich aber auch verfassungsfeindlichen Moscheeverein geben.“ (S. 59.) Nun, was hat das alles noch mit der Predigt zu tun? Was hat das mit dem genannten Moscheeverein zu tun?

3. Als letzten Punkt möchte ich eine etwas amüsante Stelle anführen. C. Schreiber möchte mit dem Imam der Berliner-Moschee sprechen: „Hinter der Glasschiebetür rechts gibt es eine Art Rezeption. Ein junger Mann sitzt dort. Ich frage: „Sprechen Sie Deutsch?“ Er schaut mich halb verdutzt, halb beleidigt an: „Ja, natürlich.“ (S. 56.)

Amr ibn al-As - ein Jude?

Ich möchte eine Stelle aus dem Buch zitieren, dann die Diskussion von C. Schreiber und anschließend meine Auswertung anführen.

1) Predigt in der „sunnitischen“ Mehmed Zahid Kotku Tekkesi (Naqschibandi) in Übersetzung, S. 202-203: „Bei der Schlacht von Siffin wurden leider über hunderttausend Menschen zu Märtyrern. Wenn wir die Hintergründe beleuchten, sehen wir, das dahinter der große Jude, der Ungläubige Amr ibn al-As steckt. Auch hinter der Schia,“

2) Diskussion von Constantin Schreiber, S. 208: „... - der angeblich „große Jude“ Amr ibn al-As wird für die Spaltung des Islams verantwortlich gemacht - ist ganz offensichtlich antisemitisch.“

3) Meine Auswertung: Die obige Aussage der Predigt - so sie korrekt übersetzt wurde - ist für mich sehr ungewöhnlich. Amr ibn al-As ist ein Prophetengefährte arabischer Herkunft. Ich habe noch nie gehört und nirgends gelesen, dass er Jude sei oder als Jude beschimpft wurde, auch niemals als Ungläubiger. Im sunnitischen Islam gilt er als ein arabischer Muslim, ein Gefährte des Propheten, von dem auch Überlieferungen des Propheten - wenn auch mit Vorsicht und Bedenken - tradiert wurden. Laut der Predigt soll er auch hinter der Schia gesteckt haben, eine Behauptung, die ziemlich absurd ist, weil Amr ibn al-As eher ein politischer Gegner des Kalifen Ali war.

Wenn die angebliche „Moschee“ (Tekke ist eigentlich keine Moschee) sunnitisch sein soll, dann ist der angebliche „Imam“ ganz wirr im Kopf. Entweder haben wir wieder mit einer falschen Übersetzung zu tun oder mit einem fake-Imam, der allerdings überhaupt nicht repräsentativ für eine sunnitische Moschee sein kann, wenn er nicht einmal anerkannte historische Informationen kennt und theologische Grundsätze des sunnitischen Islams verletzt. Sicherlich gibt es solche „Imame“, die krude und radikale Ansichten vertreten. Das ist ein Problem der Bildung und Ausbildung.

Herr Schreiber muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, wie repräsentativ es ist, eine Tekke, die nicht einmal eine richtige Moschee ist, im „Inside Islam“ unter den ausgewählten 13 Moscheen „Deutschlands“ anzuführen. Wenn er gar nicht die Absicht der Repräsentativität hatte, warum dann „Inside Islam“ und „Deutschlands Moscheen“ im Titel - auch noch mit „dunklen Wolken“ im Hintergrund?

Yazīd I. oder Jesiden?

1. Aus der Übersetzung der Predigt der schiitischen Imam-Riza-Moschee, S. 224: „Keiner der Imame wies die Bevölkerung oder die Gemeinde an, sich mit dem Schah oder Kalifen der Umayyaden zu vereinen. Niemals haben sie zur Einheit mit den Umayyaden aufgerufen. Niemals haben sie zur Einheit mit Jesiden aufgerufen. Niemals haben sie zur Einheit mit Muawiya aufgerufen. […] Keiner der Imame hat also Einheit mit der damaligen politischen Autorität praktiziert, die die Umayyaden, Jesiden und so weiter in der Hand hielten.“

2. Anmerkung von C. Schreiber zum Wort Jesiden, S. 253, Nr. 88: „Die Jesiden sind eine nichtmuslimische Religionsgemeinschaft in Syrien, dem Nordirak und der Südosttürkei.“

3. Spätere Erklärung des Imams der Predigt, S. 231: „Der Jeside steht als Symbol für Massaker und Barbarei. Überall auf der Welt verurteilen wir jeden, der wie ein solcher Jeside vorgeht. Wir wünschen uns, dass es in keinem Land der Erde solche Jesiden gibt. Ob in der Türkei, in Deutschland oder in Afrika, nirgendwo soll es solche geben. Kein Volk sollte Unterdrückung und Unrecht ausgesetzt sein.“

4. Meine Auswertung: Dass hier ein Übersetzungsfehler vorliegt, müsste eigentlich jeder erkennen, der ein wenig mit der islamischen Frühgeschichte vertraut ist. Wer Yazīd ist und was er symbolisiert, ist eigentlich Allgemeinwissen unter Muslimen. Yazīd ist der Sohn Muʿāwiyas, er ist ein umayyadischer Herrscher und ein Tyrann – Symbol für Unterdrückung. Aus der zitierten Stelle geht unmissverständlich hervor, dass eben Yazīd bzw. er und seine Anhänger und nicht die „nichtmuslimische Religionsgemeinschaft“ der Jesiden gemeint sein können; es ist die Rede von „politischer Autorität“, „Muʻāwiya“ und „Umayyaden“. Also bitte! Ich bin erstaunt darüber, dass C. Schreiber derartige, notwendige Grundkenntnisse für so ein Buch fehlen und seine „Islamexperten“ (Ourghi und Schröter) ihn nicht auf diesen fatalen Fehler hingewiesen haben.

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